
Hast du dich jemals gefragt, warum die Spiralen einer Sonnenblume so perfekt aussehen? Oder warum die Anzahl der Blütenblätter bei den meisten Blumen fast immer eine bestimmte Zahl ist (3, 5, 8, 13, 21…)?
Hinter dieser ästhetischen Perfektion steckt kein Zufall, sondern eine der berühmtesten Zahlenfolgen der Welt: die Fibonacci-Folge. In diesem Beitrag nehmen wir diese Zahlen unter die Lupe – von ihrer mittelalterlichen Herkunft bis hin zu ihrer Rolle in der modernen Kunst und Biologie.
Die mathematische Regel hinter der Folge ist verblüffend simpel. Man beginnt mit den Zahlen 0 und 1. Jede weitere Zahl ergibt sich aus der Summe der beiden vorangegangenen Zahlen.
In der Mathematik wird dies als rekursive Folge definiert:
fn=fn−1+fn−2
mit den Startwerten f0=0 und f1=1.
0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233 …
Es ist fast paradox: Obwohl die Regel so einfach ist, erzeugt sie Muster, die in ihrer Komplexität kaum zu übertreffen sind.
Wir verdanken diese Zahlen Leonardo da Pisa, besser bekannt als Fibonacci. Im Jahr 1202 veröffentlichte er sein bahnbrechendes Werk Liber Abaci (Das Buch der Rechenkunst).
Interessanterweise wollte Fibonacci damit gar nicht die Geheimnisse des Universums entschlüsseln. Er suchte nach der Antwort auf eine praktische Frage zur Populationsentwicklung von Kaninchen:
“Wie viele Kaninchenpaare entstehen innerhalb eines Jahres aus einem einzigen Paar, wenn jedes Paar pro Monat ein neues Paar zeugt, das ab dem zweiten Lebensmonat ebenfalls fruchtbar ist?”
Die monatliche Anzahl der Paare folgt exakt der Fibonacci-Reihe. Auch wenn das Modell biologisch etwas vereinfacht ist (Kaninchen sterben hier nie und sind immer perfekt fruchtbar), legte es den Grundstein für die mathematische Modellierung von Wachstumsprozessen.
Einer der faszinierendsten Aspekte der Fibonacci-Zahlen ist ihr Verhältnis zueinander. Wenn man eine Fibonacci-Zahl durch ihren direkten Vorgänger teilt, nähert sich das Ergebnis immer weiter einer ganz speziellen Konstante an: dem Goldenen Schnitt (Φ).
813=1,625
1321≈1,615
89144≈1,6179
Je höher die Zahlen, desto näher kommt man dem Wert von etwa 1,618. Der Goldene Schnitt gilt seit der Antike als Inbegriff von Harmonie und Schönheit in der Architektur und Kunst (z. B. beim Parthenon in Athen oder im Gesicht der Mona Lisa).
Die Natur “rechnet” nicht, aber sie ist extrem effizient. Die Fibonacci-Folge taucht überall dort auf, wo es um optimale Platznutzung geht.
Pflanzen ordnen ihre Blätter oder Samen oft in Spiralen an, die auf Fibonacci-Zahlen basieren. Warum? Damit die Blätter sich gegenseitig so wenig wie möglich beschatten und der Regen optimal zur Wurzel geleitet wird.
Wenn man Quadrate mit den Seitenlängen der Fibonacci-Zahlen aneinanderlegt und deren Eckpunkte mit einem Kreisbogen verbindet, entsteht die Goldene Spirale. Man findet sie in:
Die Fibonacci-Zahlen sind mehr als nur ein botanisches Kuriosum. Sie finden heute in verschiedensten Bereichen Anwendung:
Fibonacci-Algorithmen sind ein Standardbeispiel für die Vermittlung von Rekursion und dynamischer Programmierung in der Softwareentwicklung. Sie werden auch in Sortieralgorithmen und Datenstrukturen (Fibonacci-Heaps) genutzt.
Viele Trader nutzen sogenannte Fibonacci-Retracements. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich Aktienkurse nach einem starken Anstieg oder Fall oft um bestimmte Prozentsätze (abgeleitet aus der Folge, z. B. 61,8 %) korrigieren, bevor der Trend weitergeht.
Komponisten wie Béla Bartók oder sogar moderne Bands wie Tool (im Song “Lateralus”) nutzen Fibonacci-Strukturen in ihren Rhythmen und Taktarten, um eine fast “organische” Hörerfahrung zu erzeugen.
Die Fibonacci-Folge ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass Mathematik keine abstrakte Erfindung des Menschen ist, sondern die Sprache der Natur. Sie verbindet Kunst mit Wissenschaft und Biologie mit Technologie. Wenn du das nächste Mal eine Blume betrachtest oder einen Pinienzapfen in der Hand hältst, denk daran: Du betrachtest gerade eine lebendige mathematische Gleichung.