
Stellen Sie sich vor, Sie graben im staubigen Boden des Irak, unweit der legendären Seidenstraße, und stoßen auf ein Objekt, das absolut nicht in seine Zeit zu passen scheint. Ein Objekt, das unser gesamtes Verständnis über die technologische Entwicklung der Menschheit auf den Kopf stellen könnte.
Genau das geschah im Jahr 1936 in Khujut Rabu bei Bagdad. Der Fund: Ein unscheinbares Tongefäß, das bis heute eine der hitzigsten Debatten der Archäologie befeuert. War es die erste Batterie der Welt – über 1.500 Jahre vor Alessandro Volta?
Bei der “Bagdad-Batterie” handelt es sich nicht um ein glänzendes High-Tech-Gerät, sondern um eine etwa 14 Zentimeter hohe, hellgelbe Tonvase. Doch das Innere ist es, was die Wissenschaftler elektrisierte.
Das Artefakt besteht aus drei wesentlichen Teilen:
Für jeden Elektrotechniker sieht dieser Aufbau sofort nach einer galvanischen Zelle aus. Werden zwei unterschiedliche Metalle (hier Eisen und Kupfer) in eine Elektrolytlösung (wie Essig, Zitronensaft oder Wein) getaucht, entsteht durch eine chemische Reaktion eine elektrische Spannung.
Wilhelm König, der damalige deutsche Direktor des Nationalmuseums im Irak, war der Erste, der 1938 die kühne Behauptung aufstellte: Dies ist ein elektrisches Element. Doch wozu brauchten Menschen in der Parther- oder Sassanidenzeit (ca. 250 v. Chr. bis 650 n. Chr.) Strom?
Dies ist die populärste Theorie. Durch Elektrolyse könnten Handwerker eine hauchdünne Schicht Gold oder Silber auf Gegenstände aus unedlerem Metall aufgetragen haben. Experimente in den 1970er Jahren zeigten, dass eine Nachbildung der Bagdad-Batterie tatsächlich genug Spannung erzeugt, um Schmuckstücke zu versilbern.
In der Antike nutzte man bereits Zitterrochen, um Schmerzen durch elektrische Schläge zu lindern. Es wird spekuliert, dass die Batterie als künstliche Quelle für solche “Heilschocks” diente, vielleicht eingebettet in eine rituelle Zeremonie, um die Macht von Priestern oder Heilern zu demonstrieren.
Man stelle sich eine Metallstatue vor, die mit einer Batterie verbunden war. Wer sie berührte, erhielt einen leichten Schlag – für einen Gläubigen vor 2.000 Jahren ein unverkennbares Zeichen göttlicher Präsenz oder Magie.
Trotz der faszinierenden Vorstellung einer antiken Batterie gibt es starke Zweifel in der Fachwelt.
Die Wissenschaft hat nicht nur theoretisiert, sondern gebaut. In der TV-Sendung MythBusters wurde das Experiment gewagt: Zehn Nachbauten der Bagdad-Batterie wurden mit Zitronensaft gefüllt und in Reihe geschaltet.
Das Ergebnis: Die Forscher konnten eine Spannung von etwa 4 Volt messen. Das reicht nicht aus, um eine Glühbirne zu betreiben, aber es ist mehr als genug für die Galvanisierung von kleinen Metallobjekten oder um einen spürbaren elektrischen Reiz zu setzen.
Die Bagdad-Batterie ist ein klassisches Beispiel für ein “Out-of-Place-Artifact” (OOPArt). Sie zwingt uns dazu, unsere Arroganz gegenüber der Geschichte zu hinterfragen. Oft betrachten wir die technologische Entwicklung als eine stetig ansteigende Linie. Doch die Geschichte verläuft in Wellen. Wissen geht verloren – durch Kriege, den Untergang von Bibliotheken oder das Aussterben von Geheimbünden.
Ob die Bagdad-Batterie nun wirklich Strom lieferte oder nur eine Schriftrolle schützte, sie erinnert uns daran, dass unsere Vorfahren oft wesentlich einfallsreicher waren, als wir ihnen zutrauen.
Bis heute gibt es keinen endgültigen Beweis. Die Originalfunde im Irak-Museum sind seit den Plünderungen im Jahr 2003 teils verschollen oder ihr Status ist unklar, was neue Untersuchungen erschwert.
Vielleicht war die Batterie eine geniale Erfindung eines einzelnen Handwerkers, die sich nie flächendeckend durchsetzte. Oder vielleicht war sie tatsächlich nur ein cleveres Verpackungssystem. Das Geheimnis bleibt im Sand der Geschichte vergraben.